Presse

"Das Orchester" August/ September 2018

Mannheimer Morgen, November 2017

Neue Tiefe
Unvoreingenommenheit wird in
der Musik oft belohnt. Das beweist
der Tubist des Nationaltheaterorchesters
Mannheim,
Siegfried Jung, schon mit den
Stücken von Williams, März,
Lundquist, Csollany und Dumitru.
Gerade bei März können die
virtuosen und erfahren gespieltenSolo-
Kadenzen nur unter die
Haut gehen. Die Klangfarbe des
sonst eher unterschätzten Instruments
weiß der Musiker zu
seinem Vorteil auszunutzen.
Das schwerfällige Blech kann
auch schillern, glänzen und feine
Linien zeichnen. Das Orchester
trägt den Kollegen, die Soloharfe
erzeugt zusätzlich einen
hochwertigen Dialog.

Clarino, Februar 2018

Sonic 6.2017 November/Dezember

Ein Porträt

Zwar existiert mit dem dreisätzigen Konzert für Tuba
und Orchester in f-Moll (1954) von Ralph Vaughan
Williams eines der spannendsten und musikalisch schönsten
Solokonzerte für Blechbläser dieser Epoche, dennoch müssen
Tuba-Solisten heute entweder mit Arrangements vorliebnehmen,
selbst arrangieren oder auf andere bestehende,
meistens zeitgenössische Kompositionen zurückgreifen.
Siegfried Jung, Tubist des Nationaltheaters Mannheim,
hat einen anderen, deutlich aufwändigeren Weg gewählt,
um die Literaturauswahl zukünftig interessanter und
reichhaltiger zu machen: „Ich habe bei befreundeten
Komponisten Werke für die Tuba und Orchester in Auftrag
gegeben. Da meine Frau Johanna professionelle Harfenistin
ist und wir gerne gemeinsam musizieren, war
meine Auflage, dass die Harfe in den neuen Werken einen
maßgeblichen Platz einnehmen soll“, so der Musiker. Mit
Willi März hat das Ehepaar Jung einen Komponisten verpflichtet,
der bereits viele Werke für Harfe, aber auch für
Blasorchester geschrieben hat. „Willi März war sofort begeistert
von der Idee, für diese Instrumentenkombination
zu schreiben!“, schwärmt der Tubist. Dass die Möglichkeit
bestand, diese Tondichtung sofort einzuspielen und somit
einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, empfanden
alle Beteiligten zudem als reizvolle Möglichkeit.
„Paessagio“, italienisch für Landschaft, heißt die neue CD,
die von keinem Geringeren als der Tuba-Legende Walter
Hilgers (German Brass Gründungsmitglied) dirigiert
wird. „Paessagio“ nimmt die Hörer auf eine fesselnde
Reise mit: Dem Konzert f-Moll von Vaughan Williams
steht die Auftragskomposition und Erstaufnahme des „Divertimentos
für Tuba, Harfe und Orchester“ von Willi
März gegenüber. Ergänzt wird das Programm mit „Landscape“
für Tuba, Streichorchester und Klavier des schwedischen
Komponisten Torbjörn Iwan Lundquist
(1920-2000) sowie dem „Rumänischen Tanz Nr. 2“ von
Ionel Dumitru (1915-1997) in einem Arrangement von
Willi März. Die Harfe bekommt in „Prayer“ von Andrea
Csollány (*1964) Gelegenheit, mit der Tuba in einen musikalischen
Dialog zu treten.
„Die Tuba ist ein hochseriöses Musikinstrument. Leider
ist es in den letzten Jahren immer stärker zum Klassenclown
verkommen. Klamauk und musikalische Comedy
sind ja gut und schön, aber die Zeit ist reif dafür zu zeigen,
welche tollen kompositorischen Möglichkeiten dieses Instrument
bietet.“ Auch wenn Siegfried Jung schnell ins
Schwärmen von den Vorzügen der Tuba kommt, blitzt
immer wieder etwas Verdruss durch: „Statt auszuloten,
was eine Tuba an Perspektiven eröffnet, wird im Musikbusiness
heutzutage anscheinend mit Auszeichnungen
überhäuft, was anders ist und sich toll vermarkten lässt –
Hauptsache, es ist irgendwie witzig und quasi musikalisches
Fastfood!“ In der ersten Szene des Trailers
(http://bit.ly/2fYLgAk) zu seinem neuen Tonträger tritt
Jung als Clown verkleidet auf und zieht eine violette Plastiktuba
hinter sich her. „Erwarten Sie das von einem Tubisten?“, fragt der Clown sein Publikum. Die Antwort hierauf
muss natürlich jeder Zuschauer für sich ganz persönlich
finden, allerdings nur, sofern eine Auswahl
besteht. „Ich bin mir absolut sicher, dass das Publikum
reif für kompositorisch raffiniert geschriebene, klangschöne
und tiefgründige Werke für Tuba ist. Walter Hilgers
und ich sind uns einig, dass diese Aufnahmen ein
wichtiger und bedeutender Schritt in die Zukunft sind!“
Hilgers beschreibt Siegfried Jung, seinen ehemaligen Studenten,
als einen Tubisten mit facettenreichem, schönem
und kultiviertem Klang. Die beiden Künstler haben für
viele Werke der neuen CD lange und intensiv über die
Tempovorstellungen der Komponisten und bereits vorliegende
Aufnahmen einiger Stücke gesprochen. „Walter
und ich sind aus vielerlei Gründen der Meinung, dass vor
allem Lundquists ‚Landscape‘ heute von vielen Solisten
viel zu schnell gespielt wird“, berichtet Jung. „Die Metronomangaben
und Tempobezeichnungen der Erstausgabe
dieses Stückes unterscheiden sich in Teilen sehr stark von
der aktuellsten und heute häufig benutzten Ausgabe. Sicher
ein wenig waghalsig, doch unsere Interpretation geht
auf die Urtextfassung zurück und ist somit beinahe zehn
Minuten länger als vergleichbare Einspielungen.“
Siegfried Jung ist gerade vom Trombonanza Musikfestival
aus Argentinien zurückgekehrt. Auf den dortigen Meisterkursen
hat er junge Talente unterrichtet und ein Solo-
Recital gespielt, welches im argentinischen Fernsehen
übertragen wurde. Jung ist fest entschlossen, für sich den
Weg des seriösen Solisten weiterzugehen. Man glaubt ihm
aufs Wort, wenn er sagt, dass er sich nicht „künstlich“
oder mit Showeffekten auf der Bühne bewegen will. „Nur
wenn die eigene Musik echt ist und man ganz in dem jeweiligen
Stil aufgehen kann, wird das Gespielte das Publikum
berühren.“ Stilistisch ist der Tubist, der seit 18
Jahren im Orchester des Nationaltheaters Mannheim
wirkt, trotz aller Seriosität sehr offen. Seine Frau Johanna,
Solo-Harfenistin bei den Lübecker Philharmonikern,
berichtet gern über ein Volksmusikensemble,
welches ihr Mann und sie kürzlich mit drei weiteren Musikern des Nationaltheaters gegründet haben: Auf Klarinette,
Trompete, Bassflügelhorn, Harfe und Tuba spielen
die Kurpfalz Musikanten Volksmusik auf allerhöchstem
Niveau. Die Harfenistin, welche gebürtig aus Ingolstadt
stammt und seit dem Beginn ihres Harfenunterrichts im
Alter von acht Jahren immer in einer musikalischen Mischung
aus Klassik und Volksmusik lebte, zeigt gern, wie
sich Tradition und Kunst verbinden lassen. „Es ist mir und
Siegfried wichtig, unsere Wurzeln nicht zu verleugnen,
sondern zu zeigen, dass auch Volksmusik künstlerisch
hoch anspruchsvoll sein kann.“
Das Ehepaar Jung, welches zwei Kinder im Alter von vier
und zwei Jahren hat, schmiedet schon eifrig musikalische
Pläne für die Zukunft: „Derzeit ist meine Frau Johanna
bei den Lübecker Philharmonikern in Elternzeit. Das versetzt
uns rein zeitlich in eine unglaublich luxuriöse Situation,
die wir natürlich als Familie, vor allem aber als
Musiker nutzen möchten, um noch mehr Kompositionen
für Harfe und Tuba anzustoßen. Wir wollen künstlerisch
wirklich etwas völlig Neues erschaffen.“ Hierzu hat der
Künstler gerade Yojiro Minami mit einer Komposition beauftragt.
Thema dieses Werks ist Volksmusik aus Japan.
Wie diese auf der Tuba klingt!? Darauf wird Siegfried
Jungs Publikum sicher gespannt sein!
Bei allen Vorteilen, die die Elternzeit für die Familie Jung
mit sich bringt, möchte die vielseitige und versierte Harfenistin
Johanna gerne wieder in einem Sinfonieorchester
spielen. „Das könnte eine Herausforderung für mich werden,
denn unser derzeitiger Lebensmittelpunkt ist Mannheim.“
Von der drittgrößten Stadt Baden-Württembergs
aus einen Arbeitsplatz an der Ostseeküste zu bedienen,
scheint eher schwierig. Im Gespräch spricht die 39-jährige
Preisträgerin internationaler Harfenwettbewerbe
ganz offen über ihre Ideen: Von Arbeitsplatztausch mit
einer Kollegin aus Baden-Württemberg bis zur halben
Stelle gehen ihr viele kreative Einfälle im Kopf herum.
Die richtige Lösung ist indes noch nicht gefunden. „Zwar
bietet der Gesetzgeber heute bereits viele Möglichkeiten
für berufstätige Eltern, aber gerade in meinem Fall bin
ich ganz auf das Entgegenkommen meines Arbeitgebers,
der Lübecker Philharmoniker, angewiesen.“
Doch bis es so weit ist und die Frau von Siegfried Jung sich
entscheiden muss, ob sie in die Lübecker Arbeitswelt zurückkehrt
oder in Mannheim bleibt und möglicherweise
den Sprung in die Selbstständigkeit wagt, liegen noch zwei
Jahre Elternzeit vor der sympathischen Harfenistin.
Siegfried Jung schmiedet in der Zwischenzeit bereits eifrig
neue Pläne für die musikalische Zukunft, weil er die
Tuba weiterhin nicht am Ziel sieht: etabliert als seriöses,
allen anderen Instrumenten des Sinfonieorchesters
gleichwertiges Musikinstrument, welches es verdient hat,
völlig ohne Klamauk und Clownerie-Gedanken auf den
Konzertbühnen der Welt etabliert zu sein.